„Das Schöne ist, wie auch die Wahrheit, abhängig von der Zeit, in der man lebt und auch von dem Individuum, das fähig sein muss, sie wahrzunehmen,“ schreibt Courbet. Und was nehmen wir wahr? Eine entspannt wirkende Aktdarstellung? Oder eine zum Objekt männlicher Begierden herabgewürdigte ohnmächtige Frau? Oder gar das Opfer eines Gewaltverbrechens? Schönheit oder Objektifizierung, Sinnlichkeit oder Voyeurismus, Respekt oder Pornographie? Ja, unsere Wahrnehmung hat sich in Zeiten von #MeToo verändert.

Doch Courbet kommt uns zur Hilfe und hat diesem vermutlich um 1844 herum gemalten Frühwerk einen Titel gegeben! Als Bacchantin wissen wir die Frauengestalt dem Gefolge des Weingottes Bacchus zuzuordnen. Entsprechend können wir ihren Zustand durch den Genuss des berauschenden Getränkes erklären. Akt- und Naturdarstellungen – malerisch wie inhaltlich delikat – bleiben Courbets Lieblingsthemen, die ihn noch bis zum Ursprung der Welt führen werden. Sie sehen: Wir sollten reden…

Olaf Mextorf, 14. Juni 2020